www.andreas-loesche.com

Und zum Abschied einen Koffer…

| 5 Comments

Wie es im Landkreis Bamberg in einer Unterkunft für Flüchtlinge zugeht:

Was im bayerischen Asylrecht zynisch formuliert wird, dass nämlich die Unterbringung von Asylbewerbern „die Bereitschaft zur Rückkehr fördern“ möge, motiviert den Landkreis Bamberg offensichtlich, in dieser menschenverachtenden Disziplin Klassenprimus sein zu wollen. Auch wenn dieser Halbsatz kosmetisch aus dem Asylrecht gestrichen werden soll, ändert sich doch nichts an der Ausrichtung: Die schäbigsten Absteigen, ausrangierte Pensionen, in denen absolut niemand mehr übernachten wollte, möglichst weit abgelegen, werden zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert. So ganz nebenbei bieten die abgewirtschafteten Gebäude so auch noch die Lizenz zum Gelddrucken – miese Geschäftemacherei mit der Not der Flüchtlinge. Roßdach oder Aschbach heißen diese Orte hier im Landkreis. Wir haben uns umgesehen.

Der Gesprächsbedarf ist groß und viele wollen ihre Probleme loswerden, uns ihre Zimmer zeigen und uns darauf hinweisen, dass die medizinische Versorgung vielleicht gerade noch als Grundversorgung bezeichnet werden kann. Als Uwe Kekeritz, unser Bundestagsabgeordneter aus Uffenheim, und ich auf dringenden Wunsch der Bewohner die Unterbringung für 72 Menschen besichtigen, dauert es eine Zeit, bis wir unsere Sprache wieder finden. Gestern seien außer der Reihe plötzlich Essenspakete eingetroffen. Und die enthielten Einiges stets viel zu viel, das Meiste aber zu wenig. Wozu dies führt, zeigt ein Regal voller Mehltüten, fein säuberlich gestapelt und in Jahren nicht aufzubrauchen. Gurken gibt es heute auch en masse, einige kamen bereits schimmlig. Gestern hätten die beiden Schwangeren unter den Bewohnern auch unverhofft ihre Überweisung zum Frauenarzt bekommen, auf die sie schon so lange warteten. Alles Zufall? Unser Besuch war im Vorfeld bekannt und das Haus war tipp topp aufgeräumt. Ansonsten ist die medizinische Versorgung eine Mangelversorgung: Die Brandnarben eines kleinen Mädchens werden ebenso wenig behandelt wie der Blut hustende Mann mittleren Alters, der ja Dienstag dann sowieso abgeschoben werden soll…, lohnt sich wohl nicht mehr…

Die Räume sind in erbärmlichem Zustand. Kein Wunder, dass dieses „Hotel“ nicht mehr frequentiert wurde. Die Dachfenster schließen nicht und gammeln vor sich hin, es regnet in die Zimmer, der alte Teppich saugt sich voll, es schimmelt, nicht nur in den fensterlosen Nasszellen, wo die Lüftung längst den Geist aufgegeben hat. Eine Mutter erzählt, dass sich die Strumpfhosen der Kinder regelrecht vom Boden her voll saugen würden. Offene Kabel sieht man aus der Wand hängen, viele Lampen sind kaputt. „Meine Tochter hat schon zweimal einen Schlag abbekommen,“ berichtet ein junger Vater. Er müsse stets aufpassen, dass der Schalter auf „Aus“ stehe. Da schaut selbst Kapitän Blaubär traurig aus der Wäsche.

Wir wundern uns, wo der Gestank herkommt. Er zieht zum Fenster herein. Unten stapeln sich Mülltüten, denn wöchentlich würde für die 72 Menschen in dem Haus gerade einer dieser grünen Müllcontainer geleert. Dass da Maden gezüchtet und Ratten angelockt werden, ist nicht verwunderlich. Den Bewohnern ist es ein Graus, aber sie wissen nicht, wohin mit dem Müll. Ihre Essenpakete bestehen zu einem großen Anteil aus Tiefkühlkost, die oftmals schon angetaut ankommt. Da fällt Müll ab, viel Müll…

Kontakt mit Freunden oder mit der Familie, mit zuhause? Fehlanzeige! Kein Internet und noch nicht einmal ein Nottelefon. Aber wozu auch, man hat den Bewohnern wohl erzählt, sie sollten den Notarzt sowieso erst rufen, wenn wirklich jemand im Sterben liege. Und zum Amt? Auch nicht besser: Nach Bamberg und zurück kostet der Bus 16 Euro 20 und bedeutet eine Tagesreise.

Was viele im Haus besonders beschäftigt sei ein Nachbar aus dem Ort, der mit seinem Hund gerne ums Gebäude patroulliere und seinem Vierbeiner lautstark erkläre, was für „Schweine“ in diesem Haus leben würden. Dabei zeige er auf die Kinder und lasse dann, die Ausdrucksweise möge man mir hier verzeihen, den Hund vors Haus scheißen. „Wir lieben doch unsere Kinder auch,“ sagt eine Mutter. Die Geschichte konnten wir kaum glauben, nur Minuten später haben wir sie mit eigenen Augen gesehen. Hoffentlich braucht es das Nottelefon nicht doch bald ganz dringend! Zum Glück gibt es vor Ort Menschen, die helfen wollen. Und es gibt die wunderbare Initiative Freund statt fremd! Das gibt Hoffnung und macht dann doch nicht ganz mutlos…

Dennoch: Was nach vielen Gesprächen bleibt, ist Beklemmung. Ich schäme mich, für Bayern, für unseren Landkreis, für Einheimische, die mit der Not der Menschen auch noch skrupellos den großen Reibach machen. Vorsichtig, ganz vorsichtig hochgerechnet, bringt diese Kaschemme monatlich mindestens 50.000 Euro ein. Und wenn die Menschen im Abschiebewartestand dann gehen müssen, dann wird die Hausverwalterin ganz großzügig und schenkt ihnen zum Abschied einen gebrauchten Koffer: „Wenn sie Deutschland verlassen müssen, sollen sie wenigstens ordentlich verabschiedet werden,“ zitiert sie die FT-Ausgabe vom 9. August 2013.

5 Comments

  1. Im Grundgesetz steht: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”! Wir sollten das Grundgesetz ändern in “Die Würde des Menschen, der den Mächtigen in den Arsch kriecht ist unantastbar”

  2. Warum ist es in diesem Land nicht möglich, einzelne Wohnungen mit Asyl suchenden Familien bzw. Kleingruppen zu belegen? Diese unheimlich heimlichen Massenunterbringungen in abgewrackten, unverkäuflichen Immobilien auf dem platten Lande sind doch der Hauptgrund für Anfeindungen und Aggressionen aller Art. Es wäre doch kein Problem, einzelne Familien in einem kleinen Ort zu integrieren. Ich trau mich wetten, dass die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung groß wäre, diese Menschen zu unterstützen. So aber ist die Situation sowohl für die einheimische Bevölkerung wie auch für die Bewohner dieser Unterkunft unerträglich. Den Asyl suchenden fällt – sprichwörtlich wie auch real – die Decke auf den Kopf. Sie müssen dort unter Auflagen hausen, dürfen sich nicht um den eigenen Lebensunterhalt kümmern, werden gezwungen, mit zig fremden Menschen auf engsten Raum zu leben und werden von außen kritisch beäugt. Die Ortsansässigen wiederum werden überrumpelt, indem wie aus dem Nichts 80 Fremde ins Dorf gekarrt werden, die und deren Lebensumstände man zunächst nur erstaunt begaffen kann und man gar nicht weiß, wie man denn jetzt reagieren soll. Hingehen und alte Kleidung – zumindest für die Kinder – abgeben, wenn man nicht mal weiß, ob die Kinder morgen noch da sind? Und selbst die Stadt will ja nur neuwertige Koffer – für die Heimreise. Kritik üben? Damit du in die äußerste rechte Ecke gestellt wirst? Also doch nur über die neuesten Entwicklungen staunen und schauen, wer da nun wie wohnt.
    Schlussendlich kann man nur feststellen: eine heillos hilflose Lage für alle Betroffenen und ein Armutszeugnis für ein reiches Deutschland.

  3. Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Dennoch wäre es schön gewesen, wenn Sie Ihren Kommentar mit Namen versehen hätten…

  4. Klarnamen sind was für das reale Leben, nicht aber für eine virtuelle Parallelwelt. Als Politiker sind Sie eine Person, die in der Öffentlichkeit steht. Ich bin das nicht und ich möchte das nicht sein. Ich stehe zu meiner Meinung, ich äußere meine Meinung auch öffentlich aber ich vermeide es, meinen Klarnamen im Internet zu finden. Da muss ein – zugegeben doofer Nick – reichen. Meinen Daten zuliebe bitte ich Sie hier um Verständnis. (Zur Not kann ja eine Anfrage bei der NSA oder deren deutschen Helferleins gestartet werden. Die können meinen Eintrag sicherlich meiner Person zuordnen ;-) SPASS.)

  5. Pingback: Die Sitation im Lager Aschbach - jetzt in TV und Radio - Freund statt Fremd

Leave a Reply

Required fields are marked *.

*