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Von Stadt- und Landvermarktung

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Mein kleines Tagebuch im Wahljahr (3)

In den letzten Wochen und Monaten ist in unserer Stadt ein Thema hoch gekocht, wie es exemplarisch für viele Städte in unserem Land steht. Wie viel muss eine Innenstadt und müssen damit ihre Bewohner aushalten können? Wie viele Veranstaltungen sind einer Altstadt zuzumuten? Party oder Wohnen? Oder geht doch beides?

Es wird und muss einen Konsens geben, mit dem Bewohner wie Veranstalter gleichermaßen leben können. Leider aber beschränkt sich die Diskussion bislang in Bamberg darauf, der jeweiligen Gegenseite Kompromissunfähigkeit zu attestieren. Das wurde auch bei einer Podiumsdiskussion deutlich, bei der ich vergangene Woche mitdiskutieren durfte, geladen eigentlich in zweierlei Funktion, sowohl als einer, der regelmäßig mit Großveranstaltungen zu tun hat, als auch als Vertreter der Grünen in Stadt und Landkreis Bamberg. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, da jemand, der sich mit Veranstaltungen auskennt, gar nicht umhin kann, die Leistung des Stadtmarketings zu loben, mit ziemlich bescheidenem Budget ein Blues & Jazz Festival dieser Größenordnung aufzuziehen. Das verdient Respekt, bedeutet aber nicht, dass man deshalb etwa die Länge des Festivals über acht Tage gutheißen muss. Wer gut zugehört hat, hat den Unterschied sicher bemerkt. Dennoch: Gegen drei sich weitgehend gegenseitig hochjubelnde Stadtvermarkter war es nicht ganz einfach, kontroverse Positionen herauszuarbeiten oder gar in die Zukunft zu blicken, ist doch heute alles schon so schön und wunderbar…

Die Ausgangslage: An etwa jedem dritten Tag im Jahr findet in der Bamberger Innenstadt eine mehr oder weniger große, mehr oder weniger laute Veranstaltung statt, von Weinfest bis Weihnachtsmarkt, von „Bamberg zaubert“ über den Weltkulturerbelauf bis zum Blues & Jazz Festival. Dass den Anwohner da ab und an die Hutschnur platzt, ist mehr als verständlich, zumal gerade in den warmen Monaten ein Veranstaltungsschluss noch lange nicht bedeutet, dass die Leute tatsächlich nach Hause gehen oder sich zumindest so verhalten, dass an Schlaf zu denken ist. Zu den regelmäßigen Veranstaltungen kommen noch einige Tage Public Viewing, wenn sich etwa der Fußball zu Welt- oder Europameisterschaften trifft oder die Bamberger Basketballer Finalspiele austragen. Neben der reinen Menge der Veranstaltungen, naturgemäß einhergehend mit allerhand Lärm, klagen die Anwohner zusätzlich über Verschmutzungen aller Art als Folge der Massenaufläufe auf dem Maxplatz. Es wird wild gepinkelt, was das Zeug hält…

Wir haben also einen Konflikt in unserer Stadt, der nur schwer zu aller Zufriedenheit zu lösen ist, beim Status Quo aber kann es wohl kaum bleiben. Wie kann die Innenstadt gleichermaßen lebens- wie erlebenswert gestaltet werden, lautet die Gretchenfrage. In meinen Augen könnte auf einige Veranstaltungen durchaus verzichtet werden (ein Weinfest brauche ich jedenfalls nicht in der Bierstadt Bamberg und auf verkaufsoffene Sonntage kann ich ebenso getrost verzichten, wer Wert auf Familie und/oder Vereinsleben legt, sowieso…), andere Events könnten aus meine Sicht „optimiert“ werden. Braucht es wirklich gleich acht volle Tage Blues & Jazz Festival? Wäre da weniger nicht mehr? Ob’s dem Sponsor gefallen würde, wage ich nicht zu sagen, mit einem runderneuerten Konzept könnte man zumindest in Verhandlungen treten. Was das Wildpinkeln anbelangt ein kleiner Hinweis: Wer für die Toilettenbenutzung Geld verlangt, braucht sich nicht wundern, wenn andere Entleerungsörtchen gesucht werden. Wer Getränke verkauft, sollte auch dafür sorgen, dass diese wieder raus können, kostenfrei! Dieses eigenartige Bezahlpinkeln ist sowieso ein Phänomen, welches ich nur aus deutschen Landen kenne. In anderen Ländern gibt es da ganz andere und definitiv erfolgreichere Ideen.

Es gibt aber auch Veranstaltungen, auf die ich nur sehr ungern verzichten würde: Die Sandkerwa ist selbstredend ein Traditionsevent, der Weltkulturerbelauf passt wunderbar zur Sportstadt Bamberg und „Bamberg zaubert“ zaubert eben auch ein Flair in die Altstadt, das dem Charme Bambergs gerecht wird. Was der Bamberger Innenstadt in jedem Falle fehlt: Der Einzelhandel muss endlich begreifen (vorausschauende Stadtplaner predigen dies seit 30 Jahren), dass der Umsatz nicht steigt, wenn man mit dem Auto ins Geschäft fahren kann. Ein attraktives Angebot entsprechend präsentiert bewirkt da wesentlich mehr. Und wenn dann das Umland gut angebunden mit den Öffentlichen ins Zentrum und wieder aus ihm heraus kommt, wird ein Stadtbummel zum Erlebnis und für die Anwohner durch deutlich weniger Individualverkehr auch weniger belastend. In Zeiten des demographischen Wandels wird dies übrigens ein wichtiger Standortfaktor sowohl für die Stadt als auch für die Landgemeinden. Überfällig ist auch ein Gesamtkonzept für den Maxplatz. Immerhin, die Podiumsdiskussion im Grünen Saal der Harmonie hat zumindest zu einer Versachlichung der Debatte beigetragen und vor allen Dingen eines deutlich gemacht: Miteinander reden bringt deutlich mehr als übereinander schimpfen. Ein Anfang scheint gemacht.

Vermarktet fühlen sich die Menschen auch auf den Jurahöhen in und um Wattendorf. An der Autobahn bei Stadelhofen zieht sich Bayerns größter Freiflächenphotovoltaikpark in die Kilometerlänge, und in Sachen Windenergie liegen die größten Vorrangflächen nun auch rund um Wattendorf und die umliegenden Dörfer. Kein DSL, kein Mobilfunkempfang, kein ÖPNV…, seit Jahren von der Politik links liegen gelassen, fühlen sich die Menschen nun überrollt. Und das ist gut zu verstehen: Jahrzehntelang passiert nichts, dann geht es auf einmal ganz schnell. Nur mäßig bis gar nicht von den zuständigen Stellen informiert, ist es dann wenig verwunderlich, wenn die Spekulationen ins Kraut und somit die Widerstandsinitiative aus dem Boden schießen. Von „bis zu 70 Windkraftanklagen“ ist da die Rede, die die Jurahöhen rund um Wattendorf zupflastern sollen. Dass die aktuelle Planung nach meinen Informationen elf Anlagen umfasst, ist da nicht so wichtig, es geht ums Gefühl, um fehlendes Mitspracherecht und ungenügende Transparenz. „Wir kriegen kein Internet und es kommt kein Bus, aber Eure Stadt sollen wir mit Strom versorgen, damit Ihr ein gutes ökologisches Gewissen habt“, lautet eine Aussage, die man immer wieder hört. Der Ärger ist nachvollziehbar.

Als die Ausweisung der Vorranggebiete für die Windkraft in die erste Runde ging, haben wir von Grüner Seite alle betroffenen Bürgermeister sowie den Landrat schriftlich aufgefordert, größtmögliche Transparent herzustellen und die Bürgerschaft zu informieren als auch dafür zu sorgen, dass Flächen in kommunaler und Bürgerhand bleiben beziehungsweise keine voreiligen Pachtverträge abgeschlossen werden. Die Resonanz war schier Null und nun liegt das Kind im Brunnen. So wird das nichts mit einer akzeptierten und von den Menschen mitgetragenen Energiewende.

Deshalb auch sind wir mit unserem Arbeitskreis Energie nach Wattendorf und haben das Ganze „Dialog Windkraft“ genannt. Etwas mulmig war uns schon, aber die Diskussion ist keineswegs entgleist im brechend vollen Saal. Und offensichtlich wurde auch hier endlich einmal miteinander anstatt übereinander gesprochen. Ein Diskussionsteilnehmer hat es dann nach der Veranstaltung so formuliert: „Ihr kommt wenigstens und redet mit uns, das hat sonst bisher noch niemand gemacht…“

Fotos: Andreas Reuß (3), Ursula Sowa, Andreas Lösche

One Comment

  1. Zur 1. Veranstaltung:
    Wohldosierte und angenehme Kritik – ein gutes Konzept

    zur 2.:
    als (nicht ständiges) Mitglied im AK unterstütze ich die dargestellte Position und halte das Thema Energiewende (muss schneller gehen!) und Klimawandel (katastrophale Entwicklungen zeichnen sich ab und werden weitgehend ignoriert) für das gesellschaftlich allerwichtigste thema, und zwar lokal, national und global.

    Gut dass sich hier ein grüner Kandidat Position dazu bezieht. Ich werde Dich jedenfalls dabei unterstützen, in den Landtag gewählt zu werden!!

    P.S.: Auch wenn ich an beiden Termien nicht teilnehmen konnte – so fühle ich mich bestens und mehr als ausreichend informiert.
    Da kann sich die Stadtratfraktion ruhig ein wenig abschauen!

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