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Fünf Jahre Diskussion um einen Nationalpark Steigerwald

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Bestandsaufnahme und kleine Chronologie der Ereignisse

So schön kann Schwarz-Gelb seinIm nördlichen Steigerwald gibt es ihn noch, den typisch mitteleuropäischen Laub-Urwald mit seinen bis zu 350 Jahre alten Buchen sowie Erlen, Eschen und Eichen. Einst überzog diese Waldform 80% der Fläche Deutschlands, heute hat sie Seltenheitswert. Flora und Fauna beeindrucken hier gleichermaßen. Den Eremit hat man gefunden, einen Käfer, der als Urwaldrelikt gilt. Fledermäuse und einige Spechtarten haben sich wieder angesiedelt, mit dem Halsbandschnäpper hat sich eine vom Aussterben bedrohte Vogelart niedergelassen, der Ruf des Käuzchens ist zu hören und im Mai quakt der Laubfrosch sein Liebeslied. Hier tobt das pralle Leben, wie wir es aus den uns vertrauten Nutzwäldern längst nicht mehr kennen.

Freilich konnte sich ein solcher Wald nur dort wieder entwickeln, wo die Natur ungestört Natur sein darf, wo man den Wald sich selbst überlässt, wo auch Totholz Lebensraum bietet und der Kreislauf der Natur wieder halbwegs intakt ist, etwa in den Naturwaldreservaten Brunnstube und Waldhaus bei Ebrach oder im Böhlgrund nahe Zell am Ebersberg.

Diese Vielfalt des Naturwaldes begeistert nicht nur die Naturschützer, sie bietet ein großes Potential für einen sanften Tourismus, wie dies etwa die Nationalparke Hainich und Bayerischer Wald bestätigen. Dort nämlich weisen die Übernachtungszahlen seit Jahren erstaunliche Wachstumsraten auf. So entstand 2007 die Idee eines Nationalparks Steigerwald, getragen von einer Allianz von Befürwortern, die vom Bund Naturschutz über uns Grüne bis zum Bamberger Landrat reicht. Ein Nationalpark wäre die ideale Symbiose aus Naturschutz und Förderung der strukturschwachen Region, ist man sich in Reihen der Befürworter sicher. Denn die Bevölkerungszahlen sind rückläufig, das Schulsterben hat Einzug gehalten. Ein Gütesiegel Nationalpark würde der Region neue Impulse geben.

Es ist unsere Verpflichtung, dieses einmalige Naturerbe Buchenwald in größerem Rahmen zu schützen. Spätestens bei der UN-Artenschutzkonferenz im Mai 2008, wo sich Deutschland darauf festlegte bis 2020 mindestens 5% des Waldes aus der Nutzung zu nehmen, hat man sich dieser Verantwortung gestellt. Seither gilt es sie umzusetzen. Und dies geht am ehesten dort, wo der Wald sowieso schon dem Staat gehört.

Dies ist hier der Fall, denn die gesamte Fläche des angedachten Nationalparks ist Staatsforst. Kein einziger Hektar Privatwald wäre betroffen. Wenn Deutschland sein 5%-Ziel binnen der nächsten acht Jahre also ernsthaft verwirklichen will, dann ist ein Nationalpark Steigerwald nicht nur folgerichtig sondern zwingend.

Trotzdem gibt es eine nicht geringe Zahl an Gegnern, deren Einwände ernst genommen werden müssen, denn nur mit den Menschen vor Ort hat die Nationalparkidee eine Chance. Diese Kritiker haben sich in dem Verein „Unser Steigerwald“ organisiert. Sie befürchten Nachteile für die Holznutzung, obwohl nicht einmal 20% des Waldes aus der Nutzung genommen würden. An einen Anstieg des Tourismus wollen die Gegner nicht glauben. Sie erwarten einen Schädlingsbefall wie etwa durch den Borkenkäfer, der aber im Buchenwald kaum eine Rolle als Schädling spielt. Die Landwirtschaft sehen sie durch erhöhte Wildschäden bedroht, doch Nationalparke werden in ihren Randbereichen intensiv bejagt.

Die Debatte um den Steigerwald hat vielerorts die rationale Ebene verlassen, die Gegner zeigen mit Transparenten und Traktorendemonstrationen ihre Ablehnung, ein vernünftiges Gespräch ist kaum mehr möglich, eine Versachlichung der Diskussion daher dringend angeraten. Eine Machbarkeitsstudie, die Pro und Contra gleichermaßen berücksichtigt, würde hier einen wichtigen Beitrag leisten. Ein entsprechender Antrag der Grünen aber scheiterte im Januar 2009 im Umweltausschuss des Landtages an den Stimmen der Staatsregierung und der Freien Wähler, obwohl sogar die Landräte aus Bamberg und den Haßbergen um schriftlich Zustimmung zum grünen Antrag gebeten hatten. Stattdessen brachte die Staatsregierung ein Biosphärenreservat ins Gespräch. Ein solches aber wäre nicht mehr Ländersache, wie es ein Nationalpark ist, die Staatsregierung entzog sich ihrer umweltpolitischen Verantwortung. Sie spielt auf Zeit und lässt damit auch den strukturschwachen Steigerwald im Stich. Die bayerischen Grünen hingegen sprechen sich auf ihrer Landesdelegiertenversammlung in Bamberg Ende 2009 als bisher erste und einzige Partei klar und deutlich für einen Nationalpark im Steigerwald aus, weil sie wissen: Die strukturschwache Region braucht dringend entscheidende Impulse.

Und weil die so nötige Machbarkeitsstudie von Seiten der Staatsregierung nicht kommt, hat man von Seiten der Grünen selbst Untersuchungen durchgeführt, deren Grundlage jeweils Zahlen aus den bayerischen Ministerien sind. Fördermittel der Nationalparke Bayerischer Wald wurden mit denen für den Naturpark Steigerwald verglichen, die ÖPNV-Zuweisungen der betroffenen Landkreise ebenfalls. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Im Durchschnitt der 2000er Jahre lagen die Fördermittel für die Nationalparklandkreise um das Vierzigfache über denen für den Naturpark. Die ÖPNV-Zuweisungen sind fast dreimal so hoch, die so genannten Igelbusse nocht nicht einmal eingerechnet. Warum nur will man darauf im Steigerwald verzichten?

Die Tourismuszahlen sprechen ebenfalls glasklar für die Ausweisung eines Nationalparks. 2011 folgt eine weitere Studie, dieses Mal zu den Auswirkungen auf die Holznutzung, die regionalökonomische Entwicklung und den demographischen Wandel. Die Staatsregierung selbst geht bis 2030 von einer Halbierung der Schülerzahlen im Steigerwald aus. Welche Auswirkungen dies auch auf den ÖPNV haben wird, braucht hier sicher nicht betont zu werden. Ein Nationalpark würde zudem für Arbeitsplätze sorgen und die Auswirkungen auf das Brennholzangebot wären wesentlich geringen als stets von den Gegnern ins Feld geführt.

Da aber vor allem mit dem unterfränkischen Landkreis Schweinfurt, dem dortigen Landrat sowie einigen Kommunalpolitikern, die sich von ihrer lautstarken Gegnerschaft gegen das Zukunftsprojekt Nationalpark persönliche Stammtischvorteile erhoffen, kein Staat zu machen ist, geht man im oberfränkischen Landkreis Bamberg nun einen eigenen Weg. So etwas wie ein „Nationalpark light“ ist das Ziel, den oberfränkischen Beitrag schon einmal leistend. Von der Ausweisung eines Waldnaturschutzgebietes nahe Ebrach erhofft man sich in die Weltnaturerbe-Liste europäische Buchenwälder aufgenommen zu werden. Der Kreistag Bamberg verabschiedet einen entsprechenden Antrag, die Bezirksregierung stimmt zu. Seither liegen die Dokumente in einer Schublade irgendwo in München. „Nichts gegen den Willen der Bevölkerung,“ hat die Staatsregierung stets verlautbaren lassen. Die Oberfranken aber wollen das Waldnaturschutzgebiet. In München jedoch passiert nichts, offensichtlich fürchtet man, dass die Oberfranken vormachen, wie es richtig geht. Regionalförderung á la CSU…

Der Zukunftsrat der bayerischen Staatsregierung empfiehlt die Überprüfung eines dritten bayerischen Nationalparks und meint damit den Steigerwald. Vielleicht auch deshalb hat man nun offensichtlich auch in Umwelt- und Landwirtschaftsministerium begriffen, dass im Steigerwald dringend etwas geschehen muss. Weil man aber schlimme Worte wie „Nationalpark“ fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, wird nun der Begriff „Nachhaltigkeit“ durch den Kakao gezogen: Ein „Zentrum – Nachhaltigkeit – Wald“ soll fortan eine “Nachhaltigkeitsregion“ nach vorne bringen. Dass man bei so einem „Nachhaltigkeitszentrum“ getrost auf die Mitsprache der Umweltorganisationen verzichten kann, entspricht dem Selbstverständnis der Staatsforsten. Und während im Handthal der Spatenstich erfolgt, fordert der Forst- und Landwirtschaftsminister erhöhte Einschläge und konterkariert das eigene Trittsteinkonzept.

Die Hoffnung derer, die wirklich etwas für den Steigerwald, seine Menschen und seine Natur tun wollen, könnte 2013 nun aber neue Nahrung erhalten. Der Schweinfurter Landrat wurde mit einer krachenden Niederlage abgewählt, sein Nachfolger wird es nicht leicht haben im Steigerwald. Aber er hat die Aufgabe, die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene zu bringen, zu moderieren und Argumenten wieder Gehör zu verschaffen. Dazu bedarf es einiges an Geschick, aber es kann gelingen. Im Bemühen um diese Versachlichung haben Bund Naturschutz und der Freundeskreis Nationalpark einen Vorschlag zu einer Nationalparkverordnung erarbeitet und vorgestellt. Bleibt zu hoffen, dass diese von den Verantwortlichen tatsächlich vorurteilsfrei bewertet wird. Und dann sind da ja auch noch die Landtagwahlen 2013. Und Nationalparkausweisungen sind und bleiben Ländersache…

 

 

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