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Das große Missverständnis

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Die Debatte um das Urheberrecht steckt in einer Sackgasse

Wenn man die Intensität, mit der in der laufenden Debatte um das Urheberrecht derzeit aufeinander losgegangen wird, zum Maßstab nimmt, dann müsste man meinen, der Untergang des Abendlandes stehe kurz bevor.

Da ist eine Gruppe vor allem etablierter Künstler, die sich etwas anmaßend Wir sind die Urheber nennt und die dem „profanen Diebstahl geistigen Eigentums“ im Internet Tür und Tor geöffnet sieht. Unwissenheit schütze vor Strafe nicht, einer Entkriminalisierung oder gar Legalisierung von Urheberrechtsverletzung im World Wide Web trete man entschieden entgegen. Diebstahl geistigen Eigentums sei auch als solcher zu bewerten, scheinbar egal, ob bewusst oder unbewusst, aus Versehen oder aus Vorsatz geschehen.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und andere Autoren, Künstler, Journalisten, Musiker et cetera distanzierten sich unter (Auch) Wir sind Urheber umgehend. Es sei nicht hinzunehmen, dass sich einige wenige UrheberInnen zum Sprachrohr aller Urheber machten. Recht haben sie, denn das „rückwärtsgerichtete Monopoldenken“ der Wir sind die Urheber hat in der Tat den faden Beigeschmack eines allzu vordergründigen Versuchs der Besitzstandswahrung und Pfründesicherung weniger längst etablierter Kulturschaffender. Eindrückliches Beispiel dafür Sven Regeners Ausbruch im Bayerischen Rundfunk, der in der Aussage kulminierte, „Wir“ (also die Künstler beziehungsweise Komponisten) seien die Gema. Offensichtlich fühlt sich Regener also von einer Gema gut vertreten, die Kindergärten abmahnt, wenn die Kleinsten in unserer Gesellschaft den Erntedankgottesdienst in eine Detlev-Jöker-Werbeveranstaltung verwandeln. Der Erstkontakt der Kleinsten mit „Kultur“ drohte zum Abkassier-Event durch die Rechteverwerter zu werden.  So hat sich längst ein Abmahnwahn verselbständigt, der zur Jagd auf meist unbedarfte jugendliche Nutzer im Internet bläst. Das ist sicher weder im Sinne der Künstler noch im Sinne ihrer Verlage. Das Abmahnwesen ist ein lukratives Geschäft mit der Unwissenheit einiger Nutzer. Aufklärungsveranstaltungen an Schulen etwa versuchen gegen zu steuern und zeigen den Jugendlichen die Gefahren des File-Sharing auf. Viele Polizeidirektionen zum Beispiel haben dazu gesondert Fachbüros eingerichtet. Aufklärung, Prävention heißt die richtige Devise. Und wer am Ende um die im vermeintlich so freien Internet lauernden Gefahren weiß, wessen Bewusstsein geschärft wurde, der sieht in der Regel ein, dass Kultur auch etwas kosten muss.

Ungeachtet dessen, dass ein großer Teil der Komponisten die Aussage Regeners sicherlich nicht unterschreiben würde, zeigt sie vor allem, was die Krux im Streit um das Urheberrecht darstellt: Abgesehen von der durchaus diskussionswürdigen und völlig berechtigten Forderung nach einer spürbaren Verkürzung der Schutzfristen, ist dieser Streit um das Urheberrecht gar keiner. Niemand der ernsthaft Beteiligten fordert eine elementare Aufweichung oder gar Abschaffung des Urheberrechts. Der Streit um das Urheberrecht ist in Wirklichkeit ein Streit um die Rolle der Verwertungsgesellschaften, es ist ein Streit darum, wie die Verwertungsgesellschaften im Internet agieren beziehungsweise reagieren. Es ist ein Streit um Überwachung, Abmahnwesen und den Umgang mit der Unwissenheit und Unbedarftheit. Es ist nicht wirklich ein Streit darum, ob Kultur etwas kosten darf, es ist ein Streit darum, wie man die Kosten durchsetzt, erklärt oder im günstigen Falle das Bewusstsein für die gerechtfertigten Entlohnungen schafft. Das Urheberrecht als solches steht nicht zur Disposition, es geht um funktionierende Bezahlsysteme für die neuen Medien. Mithin beruht das Ganze Hauen und Stechen auf einem großen Missverständnis.

Es wäre also an der Zeit, sich über dieses Missverständnis klar zu werden, anstatt die Fronten weiter verhärten zu lassen. Ein drittes Portal zeigt dazu gute Ansätze und nennt sich Wir sind die Bürger. Hier wird die Forderung formuliert, die Beteiligten sollten sich endlich an einen Tisch setzen, sich die Hand reichen. Ein Appell, der Not tut und erkannt hat, dass die Diskussion in einer Sackgasse gelandet ist. Es muss miteinander anstatt übereinander geredet werden!

Und das sollte eigentlich nicht allzu schwer fallen, zumal alle Seiten zu einer gemeinsamen Grunderkenntnis gelangen: Das Urheberrecht (eigentlich gemeint ist eher dessen Umsetzung) muss „den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit angepasst werden“ sagen nicht nur Wir sind die Urheber.

Neu justiert und angepasst werden an die Realitäten der schönen neuen Kommunikationswelt sollte zunächst aber das Verhältnis zwischen Künstlern, Verwertern und Rezipienten. Das derzeitige auf Abmahnung und unverhältnismäßig hohe Strafen setzende System der „Rechteverwertung“ wird dem Nutzer weder das Bewusstsein schärfen noch die Bedeutung der Kultur für die Gesellschaft fördern. Im Gegenteil, es wird eine Entfremdung zwischen den Künstlern und ihren Werken und den Kunden entstehen, zum Nachteil aller. Insofern führt an der Entkriminalisierung der Nutzer kein Weg vorbei, womit File-Sharing und Raubkopiererei noch lange nicht legalisiert sind.

Es wird Aufgabe der Künstler, ihrer Verwerter (und der Gesellschaft) sein, neue Wege der Veräußerung der Werke zu finden, sei es Musik, Literatur, Fotografie oder was auch immer. Von einer Branche, deren Selbstverständnis es ist Neues zu schaffen, wird dies ja hoffentlich nicht zu viel verlangt sein Innovatives auch in diese Richtung zu entwickeln. Hier ist bereits einiges in der Diskussion, seien es Pauschalgebührsysteme oder Leermedienabgaben…

Dabei wird es nicht ohne mehr Eigenverantwortung, aber auch Freiheit, der Künstler funktionieren. Jeder und jedem soll es selbst überlassen sein, wieviel der (Urheber)Rechte sie oder er an wen abtritt, ob sie oder er sein Werk in der klassischen Form oder etwa als Creative Common veröffentlich sehen möchte, ob das Internet als Verkaufs- oder zunächst als Kommunikations- und somit auch Werbeplattform genutzt werden soll. Dazu sollen neue Lizensierungsformen wie Creative Commons neben den klassischen Verwertungsgesellschaften etabliert werden. Kreativität bedingt und löst Kreativität aus… (Gotye wäre verrückt, würde er sich beklagen, dass die kanadische Band Walk Off The Earth seinem Hit „Somebody that I used to know“ zusätzlichen Auftrieb verschafft hat. So nämlich kann es auch laufen…)

Dies soll und muss insbesondere die Wissenschaft und den Zugang zur Forschung betreffen. Es ist gut, dass ein Universitätsprofessor, der von der Gesellschaft für Lehre und Forschung gleichermaßen und bestens entlohnt wird, seine in Zusammenarbeit mit seinen Hiwis und Studenten entstandenen Forschungsergebnisse in Buchform auf den Markt bringt. Der Ertrag an diesem Buche aber, das sich die Erstsemester des Professors zu Hunderten zulegen dürfen, was passiert mit diesem? Stünde der nicht recht eigentlich der Gesamtgesellschaft zu, die die Entstehung an diesem Buche finanziert und in gewisser Form auch in Auftrag gegeben hat? Und soll nicht dann dieses Auftragswerk wiederum der Gesellschaft in digitaler Form zur kostenfreien Verfügung und weiteren Forschung und Lehre zur Verfügung stehen? Die Wissensgemeinschaft hätte ein Recht auf derartige Creative Commons oder Allmende.

Die Sache mit der Frage nach der Urheberschaft und was dies rechtlich zu bedeuten habe, beschäftigt die Menschen offensichtlich schon einige Jahrhunderte. Ob es ein schlechtes Gewissen war, das Wolfram von Eschenbach in seinem „Parzival“ behaupten lässt, er kenne zwar den französischen „Percefal“ des Chrétien de Troyes, dieser aber sei nicht zu gebrauchen, seine Quelle sei vielmehr ein gewisser Kyot? War ihm etwa schon um 1200 so etwas wie geistiger Diebstahl bewusst? Dem in Rechtsfragen offensichtlich hochgebildeten Wolfram könnte man das zutrauen. Seine Vorlage nämlich war durchaus Chrétien, einen Kyot kennt die Forschung nicht, mithin ein wunderbares Ablenkungsmanöver. Ein klares Bekenntnis zur Quelle wäre übrigens kein Problem gewesen, das Bearbeiten – heute würde man sagen Remixen oder Samplen – älterer Werke war völlig üblich, die Erzählungen des Mittelalters waren quasi Creative Commons. Wolfram und seine Kollegen waren Auftragsdichter, ihre Werke waren in der Regel Auftragswerke, die Sache mit der Bezahlung also geregelt.

Es ist eine Herausforderung der Gegenwart, einen gerechten und ausbalancierten Interessenausgleich zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Kreativen und Nutzern der neuen Medien zu finden. Besinnen sich die Protagonisten aber auf das gemeinsame Ziel eines freien und demokratischen Internets, dann stehen die Chancen gut für Lösungen, von denen letztendlich alle profitieren, die die neuen Medien als Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe und nicht als bedrohlich rechtsfreien Raum begreifen.

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  1. Die freie und kostenlose Zugänglichkeit zu nahezu allen „Informationen” ist ein wichtiges und erstrebenswertes Ziel der Menschheit – aber sie ist eine Utopie. Schön wird diese unter anderem in dem utopischen Roman “Men Like Gods” von H.G. Wells aus dem Jahr 1923 in verwirklichter Form beschrieben. Daran sieht man, dass die Urheber mindestens seit Jahrzehnten selber an dieser Utopie arbeiten, die allerdings nur im Rahmen einer „besseren Welt” – ohne Kriege, Gefängnisse, wirtschaftlichen Wettbewerb usw. – verwirklicht werden könne, so Wells.
    Mitten in das geistige Zugehen auf die Arbeit an dieser Utopie ist das Internet hereingekommen, mit der Forderung nach dem kostenlosen Zugang, wie er dort üblich ist. Und auch die Literatur ist eine andere geworden. Die Utopie ist in den – mit allergrößtem Lob überschütteten – Romanen der Gegenwartsautorin Anna Katharina Hahn zur Sehnsucht eines vernachlässigten Jugendlichen nach dem Meer an der Ostsee geschrumpft. Genau zu diesem Schauplatz am Meer hat schon Eduard von Keyserling um 1910 den anti-utopischen Roman “Wellen” in München diktiert, 1931 folgte der gleichnamige Roman von Virginia Woolf.
    Im neuesten Roman “Am Schwarzen Berg” von Anna Katharina Hahn, Erstunterzeichnerin der Urheber-Erklärung, interessieren sich für gebundene Bücher fast nur noch alte, kranke und obdachlose Alkoholiker, die sich in öffentlichen Bibliotheken psychisch aufwärmen, wobei am Ende die gesamte bürgerliche Kultur und Lebensart – auch in ihrem Kampf um „Stuttgart 21″ oder um die soziale Betreuung – vollkommen scheitert. Kommunikation gibt es am Ende überhaupt nicht mehr, weder via Internet noch sonst irgendwie.
    Immerhin gibt noch diese Literatur, die solches erzählt, die solche Utopien diskutiert. Vielleicht nur für eine Elite? Vielleicht ist das die Lösung: Diese Bücher, gerade von Frauen à la Hahn, sind mit ihren artifiziellen, funkelnden Wortschlachten in durchgehend schnellen, kurzen Sätzen von vornherein so geschrieben, dass sie keiner runterladen und digital lesen will. Sie blockieren das Leseverhalten am Bildschirm oder vom Reader. Wer das dennoch kostenlos runterlädt, hat eben nichts davon.
    Gute, bleibende Literatur – soweit es sie noch gibt und von den Autoren überhaupt noch angestrebt wird – war überhaupt nie schnell lesbar und für die Masse ab dem 20. Jahrhundert geistig zugänglich. Keine Datei ist andererseits so schnell und zugleich umfassend zu beurteilen wie ein Buch, habe ich mal gelesen. Alles andere mögen sich die Piraten holen, meinetwegen kostenlos oder wie auch immer. Echte Literatur in diesem Sinne fand sich seit jeher selten unter den Bestsellern und ist bis heute nicht auffindbar, wenn man sich nur am Internet orientiert. Mehrere meiner Bücher kann man aus dem Internet inzwischen kostenlos herunterladen; trotzdem höre ich immer wieder von Lesern und den Verlagen, dass sie zu weit über neunzig Prozent als gekauftes Buch gelesen würden.
    Welche sind eigentlich – nach dem Scheitern der Ideologien und so mancher Utopien – die geistigen Hintergründe hinter gewissen Bewegungen und Revolutionen, wie sie von den bestimmten “usern” kommen? Sind sie zum Beispiel mit den Menschenrechten vereinbar? Oder müssen die im Zeitalter des Internet auch mal schnell neu formuliert werden?
    Andreas Reuß, Bamberg

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