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Der Berg kreißte und gebar ein Trampeltier

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Wie die eigentlich gute Idee eines Literaturfestivals durch die Bamberger Kulturlandschaft poltert und zur fatalen Steuerverschwendung wird

Ein Literaturwissenschaftler müsste jetzt eigentlich jubilieren: „Hurra, wir bekommen ein neues Literaturfestival!“ Und in der Tat, solch ein Festival könnte durchaus eine Bereicherung für die hiesige Kulturlandschaft sein. Wenn aber Landrat, City-Manager und Co. ein solches Unterfangen angehen, dann kann das scheinbar nichts werden, wie sich dieser Tage zeigt. Eine Diskussion, ob es das Festival braucht, gab es nicht. Sowohl Zeitpunkt als auch Inhalt wurden mit den Bamberger Kulturschaffenden ungenügend besprochen. Kreis- und Kulturausschuss des Kreistages wurden einmal mehr vor vollendete Tatsachen gestellt. Das Ergebnis ist eine fatale Verschwendung von Steuermitteln zum Schaden der Kulturlandschaft und der darin Engagierten, mithin ein ziemlicher Bockmist.

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Der inhaltlichen Ausrichtung des Festivals fehlen sämtliche Faktoren, die dem Event eine Berechtigung geben würden, mit öffentlichen Geldern gefördert zu werden. Der regionale Bezug fehlt völlig, die Autorinnen und Autoren der Region werden größtenteils außen vor gelassen, Nachwuchsförderung Fehlanzeige. Die Buchhandlungen der Stadt und des Landkreises werden nicht berücksichtigt, nur eine ist exklusiv im Boot. Die Germanisten der Uni Bamberg wurden ebenso ignoriert wie die Macher zweier bereits existierender Lesereihen. Die thematische Leere erinnert fatal an das vor einem Jahr installierte Wischi-Waschi-Kunststipendium.

Dass es um keine inhaltliche Ausrichtung geht, zeigt ein Blick auf die Lesenden, die angeblich bereits zugesagt hätten: Es geht quer durch den literarischen Gemüsegarten, von der Nobelpreisträgerin Hertha Müller über Konstantin Wecker und Jan Weiler bis hin zum ehemaligen Bild-Redakteur Andreas Englisch, bei letzterem spart sich der Autor jetzt mal eine Bewertung. Hauptsache bekannte Autoren, Hauptsache etablierte Autoren – es wird deutlich: Hier geht es nur um den Event an sich, eine reine Profilierungsveranstaltung. Um ein thematisches Alleinstellungsmerkmal im Kulturgeschehen, um Nachwuchsförderung oder eine bildungspolitische Intention geht es definitiv nicht. Es fehlt die Botschaft.

Von Tourismusförderung ist die Rede. Glaubt man denn im Ernst, dass dieses Festival zum touristischen Zugpferd wird? Wir haben Ende Oktober, das Ganze soll im Januar/Februar stattfinden. Man wird im Nachgang eruieren, ob es am Ende 10 oder 15 Touristen waren, die anlässlich des Festivals in die Region kamen.

Die Reaktionen aus der Bamberger Kulturlandschaft machen augenscheinlich, was einer der Initiatoren und Veranstalter in einem Interview in der regionalen Kulturzeitschrift noch bestreitet. Das Festival ist eine ohne Not geschaffene Konkurrenz zu bestehenden Lesereihen wie „Bamberg liest“ oder der „Herbstlese“. Wer geht schon auf 15 oder 20 Lesungen im Jahr? Das Potential für ausreichend Publikum gibt die Größe der Region einfach nicht her. Und gerade erst hatte der Kultursenat der Stadt die Fördermittel für „Bamberg liest“ verdoppelt. Jetzt schafft man sich eine eigene Konkurrenz? Besonders intelligent ist das nicht, denkt man zunächst, dann aber stellt sich heraus, dass man den Mitgliedern des Kultursenats das Thema Literaturfestival bislang gar nicht vorgestellt hat.

Noch schlimmer aber wiegt die Konkurrenz zu den etablierte „Bamberger Kurzfilmtagen“, denn das Literaturfestival soll zeitgleich stattfinden. Da fragt man sich, wie ein City-Manager, der noch nicht einmal den Kulturkalender seiner Stadt kennt, eigentlich seine City managen will? Ein Armutszeugnis erster Güte. Oder war’s ihm einfach schnuppe? Dann wäre da eine Position in der Stadt falsch besetzt. Die Kurzfilmtage gehen in ihr 26. Jahr, genießen einen hervorragenden Ruf weit über die Region hinaus, bekommen, wenn auch vergleichsweise mickrig, ebenfalls Fördermittel. Die Überschneidungen in Sachen Zielgruppe sind gravierend. Auch die Konkurrenz um die Werbeplattformen wird den Kurzfilmtagen erheblich schaden. Da haben die Initiatoren des Literaturfestivals nicht von Zwölf bis Mittag gedacht, geredet haben sie mit den Machern der Kurzfilmtage natürlich im Vorfeld nicht. Ein beeindruckendes Miteinander, dass das Stadtmarketing da pflegt. Die Kurzfilmtage übrigens sind ein eingetragener Verein, sicherlich die beste und ehrlichste Organisationsform, wenn man als Kulturfestival öffentliche Gelder beantragt, wobei wir bei den Finanzen wären:

Satte 45.000,– € hat das Literaturfestival an LEADER-Steuermitteln beantragt. Dem stehen 43.500,– € an Künstlergagen gegenüber, wie die vorgelegte Kalkulation des Literaturfestivals für 18 Lesungen ausweist. Ob es wirklich die Intention der EU war, mit diesen LEADER-Mitteln die Gagen längst etablierter Künstler zu begleichen? Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Als Kasseneinnahmen nimmt man bei diesen 18 Lesungen 7.000,– € an. Eine seriöse Kalkulation sieht definitiv anders aus. Da verwundert die Befürwortung des Ganzen durch die LAG Region-Bamberg schon sehr. Wer das Procedere zur Befürwortung allerdings betrachtet, dem kommt der Verdacht, dass man den Entscheiderinnen und Entscheidern der LAG nur die halbe Wahrheit verraten hat. Die Literaturfestival Bamberg UG wurde am 12. August gegründet, das Entscheidungsgremium der LAG aber befürwortete bereits am 22. Juli die Fördermittel. Projektträger war damals noch der Landkreis Bamberg. Von der Literaturfestival Bamberg UG hat man dem Entscheidungsgremium erst später berichtet. Dass dahinter aber mit dem Stadtmarketing Bamberg, der Buchhandlung Hübscher und dem Bamberger Veranstaltungsservice letztlich privatwirtschaftliche Unternehmen respektive ein Verein, der solche unterstützt, stehen, hat man den Entscheidern lieber verschwiegen. Das zumindest wirft Fragen auf…

Und man darf schon auch mal nachhaken. Was passiert eigentlich mit den Gewinnen dieser Unternehmergesellschaft (UG)? Diese dürfte theoretisch in Anteilen die Gewinne abschöpfen. Das hat schon den Beigeschmack einer Risikominimierung auf Kosten des Steuerzahlers. Beschönigend könnte man es auch Anschubfinanzierung nennen. Was sollen die lächerlichen Einnahmen aus dem Kartenverkauf in der Kalkulation? Wie sieht das mit der Saalmiete aus, wenn eine Lesung auf dem Hallstadter Kulturboden stattfindet? Und wie muss man sich die 5.000,– € für die Moderation der Veranstaltungen vorstellen? Hüpft da jemand analog zum Stadtmarketing-Bluesfestival im Goethe-Kostüm auf der Bühne herum und leiert alle 20 Minuten die Sponsoren herunter? In den meisten Fällen braucht eine Dichterlesung keine Moderation, das können die Autorinnen und Autoren schon selbst. Es steht der Künstler im Mittelpunkt und eben nicht stadtmarketinglike der Veranstalter.

Aber da sind doch noch die Kinderlesungen in 12 Landkreisbüchereien, könnte man jetzt einwenden. Stimmt, diese aber waren, wie dem Protokoll der LEADER-Sitzung von besagtem 22. Juli zu entnehmen ist, zunächst gar nicht eingeplant. Sie wurden vielmehr später nachgeschoben und erhöhten das Budget um weitere 20.000,– €. Ob es den Büchereien im Landkreis passt, hier als bildungspolitisches Feigenblatt fungieren zu sollen, müssen diese selbst beurteilen.

Ein Literaturfestival wäre sicher eine tolle Sache, wenn es aber Fördermittel möchte, dann muss das anders gemacht werden: Mit allen im Boot, als eingetragener Verein, mit einer Vertrauen erweckenden Kalkulation, mit einer inhaltlichen Ausrichtung, mit einem tatsächlichen Mehrwert für Stadt und Landkreis und zu einem Zeitpunkt, der sich mit der lokalen Kulturszene verträgt und abgestimmt ist. Als reine Event- und Profilierungsveranstaltung sollen es die Anteilseigner der Unternehmergesellschaft meinetwegen machen, da freuen wir uns darauf, aber eben ohne Fördermittel!

In der jetzigen Form aber ist nicht einzusehen, dass ein Festivaletat von 110.000,– € zu 90% aus Steuer- und Stiftungsmitteln gefördert wird und diese Förderung zum Schaden anderer geförderter Film- und Literaturfestivals wird. Das können weder Gesetzgeber noch Steuerzahler und schon gar nicht die versammelte Bamberger Kulturszene wollen. So bleibt es ein unverantwortlicher Umgang mit öffentlichen Geldern und ein Fall für das Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler.

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