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Ein Hauch von Nabel der Welt

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Unser Dorf macht kirchenpolitisch Schlagzeilen

Lastovo

Irgendwie kommt man sich dieser Tage hier im beschaulichen Oberhaid ein bisschen wie am Nabel der Welt vor. Wohl nie zuvor ist der Name unseres Ortes in einer derartigen medialen Reichweite verbreitet worden. Da macht jemand Imagewerbung für unsere 4.700-Seelen-Gemeinde, und ich finde, es ist eine durchaus positive Werbung für unser Dorf.

Der Mann, der für das Spektakel sorgt, heißt Stefan Hartmann. Anfang Januar hatte er in einer ansonsten schwer verdaulichen Talkshow im SWR einer breiten Öffentlichkeit erklärt, er habe eine mittlerweile 24jährige Tochter. Eine ganz selbstverständliche Angelegenheit, wäre Hartmann nicht katholischer Priester. Die Oberhaider, ob nun katholisch oder evangelisch, hatten davon bereits im Jahr 2008 erfahren, Hartmann hatte es seiner Gemeinde öffentlich „gebeichtet“ und damals für ordentlich Gesprächsstoff im Ort gesorgt. Als schlechteren Seelsorger haben die Oberhaider ihn seither sicher nicht erlebt. Das sollte in meinen Augen der Maßstab sein. Und die Gemeinde steht zu einem Großteil hinter ihm. Unser Bürgermeister hat dies sogar im BR betont. Auch der Domberg zu Bamberg wusste natürlich von der Tochter (es wird vermutlich nicht das einzige Pfarrerskind in der Erzdiözese sein). Und so durfte der Oberhaider Pfarrer Pfarrer bleiben, schließlich beschränkte sich die Öffentlichkeit auf unseren kleinen Ort im Bamberger Landkreis. Als Pfarrerssohn aus evangelischem Hause stelle ich mir vor, wie es gewesen wäre, hätte ich meinen Vater aus purer christlicher Nächstenliebe nicht kennen dürfen.

Jetzt aber läuten die Alarmglocken auf dem Domberg im fränkischen Rom. Nun weiß ganz Deutschland von dem Kind (von Süddeutscher Zeitung über Kölner Anzeiger bis Radio Vatikan wurde berichtet). Das alleine wäre wohl nicht so schlimm und noch irgendwie ertragbar für den Bischof gewesen, hätte Hartmann sein sicherlich befreiendes Bekenntnis nicht mit einer sehr gut formulierten Kritik am Zölibat verbunden. Sein stichhaltig argumentierter Vorschlag: Zölibat quasi auf freiwilliger Basis. Seine Bewertung des Zölibats: Anachronismus. Seine Beweisführung zitiert den aktuellen Papst und auch den Bamberger Erzbischof.

Das ruft selbstredend des Bischofs Truppen auf den Plan, dem Oberhaider Gemeindeseelsorger wird ein Maulkorb verpasst. Fortan habe er sich zum Themenkreis Zölibat nicht mehr zu äußern. Punkt, aus. Diskussion abgesagt. Die Bewegung „Kirche von unten“ schreibt einen Offenen Brief an den Bamberger Erzbischof und nennt das Ganze „vorkonziliaren Führungsstil“, mithin mittelalterlich. Ein Münchner Pfarrer sieht die katholische Kirche in einer BR-Talkshow „250 Jahre im Rückstand.“

Strategisch geschickt war der Maulkorb sicher nicht, wäre die Angelegenheit vermutlich in ein paar Wochen medial versandet gewesen. So aber wird die Debatte nochmals angeheizt und auf Bambergs Domberg bringt man sich selbst in Zugzwang. Besonders schlau finde ich das nicht. Attribute wie weltoffen, zeitgemäß, demokratisch werden wohl kaum Eingang in die Texte der Kommentatoren finden. Vielmehr bestätigt die katholische Kirchenführung den Vorwurf des Anachronismus aufs Trefflichste, verhält sie sich doch so wie stets. Erneuerung scheint nicht gefragt. Dabei wäre sie auch im Sinne der Ökumene dringend notwendig. Diesen strategischen Fehler hat der Domberg auch rasch eingesehen, es sei doch nie als Maulkorb gemeint gewesen, heißt es nun.

Stefan Hartmann macht es sich bestimmt nicht leicht, wenn er nun nach 18 beziehungsweise 24 Jahren (und das ist eine lange Zeit, dafür klagt er sich ja auch selbst an) einfach nur „ja“ zu seiner Tochter sagt. Dafür ziehe ich meinen Hut vor ihm. Das ist mutig, weil die katholische Kirche auch eine machtbewusste Institution ist. Wenn es aber in unserer Gesellschaft Veränderungen geben soll, dann braucht es Leute, die mutig das Wort ergreifen. Das gilt für schier alle Lebensbereiche. Und dass der Neuanstoß zu dieser Diskussion just aus unserem Dorf kommt, darauf dürfen wir Oberhaider ruhig auch ein wenig stolz sein, auch die evangelischen. Denn schließlich brächte diese Veränderung auch Fortschritte hin zu einer Ökumene auf Augenhöhe, die beide Seiten in Sachen Lebenswirklichkeit näher zueinander bringt. Es entstünde sicherlich eine neue Leichtigkeit im Umgang miteinander. Auch dafür ein Dankeschön an unseren Pfarrer, der jetzt auch ein Stück weit zu meinem wird, denn seine Haltung empfinde ich als im besten Sinne glaubwürdig.

P.S.: Ein kluger Mann – ich glaube, es war der Soziologe Max Weber – hat einmal gesagt, ein System sei nicht mit dem systemimmanenten Personal änderbar. Hier allerdings müsste wohl genau dies geschehen.

One Comment

  1. Vielen Dank für diesen freundlichen Kommentar. Es gibt keinen Makrokosmos ohne einen Mikrokosmos, es freut mich, dass der Ort Oberhaid durch meinen Schritt in die Öffentlichkeit an Bekanntheit gewonnen hat. Es ist ein toller Ort mit tollen Menschen unterschiedlichster couleur, inzwischen für mich eine Art Heimat :-)

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